Kinder und Jugendliche: Psychosomatische Beschwerden / Psychosomatik

Körperliche Reaktionen auf seelische Belastungen

Körperliche Reaktionen auf seelische Belastungen kennt jeder. Ein mulmiges Gefühl im Bauch, Herzklopfen, schweißnasse Hände, Harndrang oder der berühmte Kloß im Hals sind Phänomene, die wohl jeder in psychisch anstrengenden Situationen schon an sich beobachten konnte. Sie sind Teil der normalen menschlichen Reaktionen und gehören in den Zusammenhang entwicklungsgeschichtlich alter Verhaltensmuster, die dem Menschen das Überleben in einer sich verändernden und manchmal bedrohlichen Umwelt ermöglicht haben.

 

Diese “normalen” Reaktionsweisen, die sich auch in Formulierungen wie z.B. “das schlägt mir auf den Magen” , “da bleibt mir die Luft weg” etc. niederschlagen, treten schon bei Kindern und Jugendlichen auf. Sie haben für sich genommen keinen Krankheitswert, wenn sie nur vereinzelt auftreten und nicht einschränkend sind. Sie können aber helfen zu verstehen, wie sich seelische ( “Psyche” = altgriechisch für Seele) Vorgänge auf den Körper (altgriech. “Soma” ) auswirken können, was meist unbewusst geschieht und kaum zu beeinflussen ist.

 

Die Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters ist ein umfangreiches Gebiet, das für die Kinderheilkunde und die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie eine hohe Bedeutung hat, weil körperliche und seelische Vorgänge eng zusammenhängen. In dem begrenzten Umfang dieser Übersicht zum Thema kann auf einzelne Krankheitsbilder, ihre Entstehung und Behandlung nur orientierend eingegangen werden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird zu einigen Stichworten auf weitere Informationen an anderen Stellen des Online-Familienhandbuchs verwiesen.

Was bedeutet “psychosomatisch” ?

 

Die Psychosomatik als Teilgebiet der Medizin beschäftigt sich mit den psychologischen, biologischen und sozialen Bedingungen von Erkrankungen. Wie oben anhand der altgriechischen Übersetzung gezeigt, bedeutet “psychosomatisch” nichts anderes als die Äußerung eigentlich seelischer (psychischer) Zustände, Beschwerden, Belastungen, Probleme oder auch schwerwiegender psychischer Krankheiten durch körperliche (somatische) Beschwerden.

 

Aber der Weg von der Seele zum Körper funktioniert auch in der anderen Richtung: Körperliche Krankheiten haben Auswirkungen auf die Psyche des Menschen. Durch die Einschränkungen, die sie mit sich bringen, können akute, besonders aber chronische Erkrankungen sogar zu einer krankheitswertigen psychischen Belastung werden, das Verhalten langfristig verändern und Einfluss auf die Sichtweise der eigenen und anderer Personen nehmen.

 

Wie entstehen psychosomatische Störungen?

 

Die genaue Entstehung, Entwicklung und Aufrechterhaltung psychosomatischer Störungsbilder ist höchst kompliziert und nicht bis ins letzte Detail geklärt. Es existieren unterschiedliche Modellvorstellungen hierzu. Zusammenfassend wird von einer “bio-psycho-sozialen” Entstehung ausgegangen. Das bedeutet, dass es bestimmte biologische Ursachen gibt (z.B. genetisch programmiert oder durch frühe Hirnschädigung bedingt), die zu einer erhöhten Empfindlichkeit und Anfälligkeit für psychische und psychosomatische Störungen führen. Spätere Lebensereignisse und Erfahrungen können vor dem Hintergrund solcher vermehrter Verletzlichkeit zur seelischen Überlastung und somit dazu führen, dass psychische oder psychosomatische Beschwerden auftauchen. Das soziale und das emotionale Umfeld, also die Lebensbedingungen, unter denen jemand aufwächst, spielen hier eine weitere wichtige Rolle. So ist z.B. ein Kind, dass in Armut aufwächst, im Vergleich zu anderen Kindern häufig vermehrt stressreichen, also psychisch belastenden Situationen ausgesetzt und gefährdeter, was die Entwicklung psychischer Störungen und psychosomatischer Probleme angeht.

 

Solche Probleme sind jedoch in allen Gesellschaftsschichten zu finden und nicht nur in sozialen Randgruppen. Beispiele für häufigere “Auslöser” psychosomatischer Beschwerden im Kindes- und Jugendalter sind

 

  • Partnerschaftskonflikte bzw. Trennung der Eltern,
  • lange Trennungen von der Hauptbezugsperson in der frühen Kindheit,
  • Probleme in Kindergarten/Schule,
  • Konflikte zwischen Eltern und Kind,
  • aggressiver oder sexueller Missbrauch,
  • psychische/psychiatrische Störungen der Mutter/ des Vaters,
  • schwere körperliche Erkrankungen eines Elternteils,
  • chronisch kranke Geschwister sowie
  • Überforderung/Überlastung allein erziehender Eltern.

In manchen Fällen ist ein direkter äußerer Auslöser oder Grund für die Symptomatik nicht offensichtlich. Hier können verdrängte Phantasien, Befürchtungen und Wünsche des Kindes oder Jugendlichen Ursache sein, die dem Bewusstsein nicht ohne weiteres zugänglich sind. Solche innerseelischen Prozesse sind auch für aufmerksame Eltern oft nicht erkennbar.

Der Umgang des betroffenen Kindes/ Jugendlichen, aber besonders auch seiner Familie mit der psychosomatischen Symptomatik hat erhebliche Auswirkungen auf den Verlauf und die Aufrechterhaltung der Störung.

 

Viele, zum Teil sehr unterschiedliche und individuelle Einflüsse spielen in ihrem Zusammenspiel bei der Entstehung psychosomatischer Symptome eine Rolle. Dies erklärt, warum bestimmte Ereignisse bei einigen Kindern und Jugendlichen zur Symptombildung führen, bei anderen dagegen nicht.

 

Wie häufig sind psychosomatische Symptome bei Kindern und Jugendlichen?

 

Psychosomatische Symptome bei Kindern und Jugendlichen sind häufig. Vom Grundschulalter bis zum achtzehnten Lebensjahr bestand nach einer deutschen Studie (Ihle et al., 2000) bei 5,2% der untersuchten Kinder und Jugendlichen zu irgendeinem Zeitpunkt eine psychosomatische Störung. Mädchen waren mit 8,9% erheblich häufiger davon betroffen. Essstörungen sind derselben Studie nach in 1,7% der Fälle aufgetreten. In einer anderen Studie (Essau et al., 2000), die an Bremer Jugendlichen durchgeführt wurde, konnte bei 13% eine somatoforme Störung festgestellt werden. Bei diesem klassisch psychosomatischen Krankheitsbild werden körperliche Symptome beschrieben, die durch eine körperliche Erkrankung (oder eine andere psychische Störung) nicht vollständig erklärt werden können. Die häufigsten angegebenen Symptome waren Kopfschmerzen, das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben, und Bauchschmerzen.

 

Worin unterscheiden sich psychosomatische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen von denen Erwachsener?

 

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, weder körperlich noch psychisch. Ihre geistigen, sozialen und emotionalen Fähigkeiten befinden sich in der Entwicklung, welche mitunter sehr schnell verläuft. Eine auftretende Symptomatik muss vor dem Hintergrund des momentanen Entwicklungsstadiums bewertet werden. Für die Prognose und Behandlung der Störung hat der Entwicklungsaspekt ebenfalls hohe Bedeutung.

 

Was für ein einzelnes Kind psychisch belastend und eventuell so überfordernd ist, dass es zur psychosomatischen Symptombildung kommt, ist zu einem großen Teil vom Alter, dem Entwicklungsstand und der oben beschriebenen individuellen Verwundbarkeit (Vulnerabilität) abhängig. Während beispielsweise die längere Trennung von der Hauptbezugsperson für ein Kleinkind sehr belastend ist, kann sie von einer Jugendlichen meist ohne weiteres verkraftet werden.

 

Die Entwicklung spielt aber nicht nur bei der Entstehung seelischer Belastungen eine Rolle, sondern auch bei der Art des Umgangs, bei der “Verarbeitung” belastender Situationen. Besonders problematisch ist es, wenn Kinder oder Jugendliche sich aufgrund ihrer psychischen/ psychosomatischen Störungen nicht altersgemäß weiter entwickeln können. Sie können dann den besonderen Herausforderungen ihrer Altersstufe – den Entwicklungsaufgaben – nicht oder nur teilweise nachkommen. Ein Beispiel ist die Schulangst eines Kindes, die sich in Form von morgendlichen Bauchschmerzen äußert und dazu führt, dass das Kind den sozialen Anschluss an die Klassengemeinschaft und an den Lernstoff verliert, was weit reichende Konsequenzen haben kann.

 

Eltern und Familie sind zentral bedeutsam in der frühen Kindheit. Je älter die Kinder werden, desto mehr gewinnen auch Personen außerhalb der Familie an Bedeutung. Die enorme Wichtigkeit von Eltern und Familie bezüglich der Entwicklung und dem Verlauf psychosomatischer/ psychischer Störungen hat zwei Seiten: Zum einen können Eltern ihren Kindern helfen, psychisch belastende Situationen und Erfahrungen angemessen zu verarbeiten, zum anderen können sie mit ihrem Verhalten selbst die Entstehung von Störungen fördern oder auch aufgrund eigener Belastung und Überforderung eingeschränkt sein in ihren Möglichkeiten, dem Kind beizustehen. Die Eltern können also “heilend” wirken, aber auch – in der Regel ungewollt und unbeabsichtigt – die Entstehung bzw. die Aufrechterhaltung von psychischen Störungen fördern.

 

Wie erkennt man psychosomatische Krankheitsbilder?

 

Eine organische Ursache für die Beschwerden des Kindes oder Jugendlichen muss zunächst durch einen Kinderarzt/ eine Kinderärztin ausgeschlossen sein. Wenn die Betroffenen durch ihre psychosomatischen Symptome in ihrer gesunden Entwicklung beeinträchtigt werden und/oder sie selbst oder ihre Familie unter den Symptomen leiden, sollte eine professionelle Untersuchung durch einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in Kooperation mit dem Kinderarzt erfolgen. Die genaue Einschätzung des Krankheitsbildes und seiner Ursachen führt zur Entwicklung eines Behandlungskonzepts.

 

(Quelle: Familienhandbuch des bayerischen Staatsministeriums für Familie und Gesundheit)